11. März 2014

wie sie lag, so schlief sie oder starb

Sie lag auf dem Boden, als ich kam. Sie hatte sich auf den Holzboden gelegt und schlief oder starb, es sah zumindest friedlich aus und still. Bis zum mittleren Rücken reichte ihr Haar, ein paar Strähnen hingen am Stoff, klebten am leicht verschwitzten Oberteil, durch das sich ihre Wirbelsäule zu kleinen spitzen Bergen zeichnete. Ich hab sie nicht gezählt. Goldbraun schimmerten, und grau fast, die Strähnen, sträubten sich trocken am Haaransatz. Ich sah ihre Beine, ein schenkliges Dreieck, schattengebend erweiterte sich das geometrische Muster auf dem Boden. Liebes, sprach ich mit gleichgültiger Stimme. Es ist Sonntag, fast vorüber.

Ich bin eigentlich eingebrochen. Hatte nicht gefragt und keine Tüte dabei oder Ähnliches mit Gebäck. Ich hatte keine Zeit auch eigentlich. Stand nur im Rahmen der unverschlossenen Tür und verlas ihre Schönheit. Ich pflückte ihre Ansicht, ihre gesichtslose Blüte. Betrachtete das Gemälde aus Lage und Haut, es fehlte ein wenig Schmutz darin und Schwärze.

Zu ihren Füßen stand ein Glas Milch mit Haut und einer Spur von Unterlippe. Sie schrieb mal, dass sie zu Abend trank, zu jedem Glas Rum, den sie liebte. Liebes, ich kannte sie nicht einmal, wollte sie verabschieden und nun lag sie sprachlos dort allein und friedlich. 
Lebst du denn noch, meine Stimme erzürnte. Ich gab der letzten Silbe ein Krächzen. Mein Kopf, automatisch, verneinte ihr Schweigen, schüttelte verlangsamt in den Boden. Eine Brust hing frei, ich beugte mich vor, sodass ich sie sehen konnte, hing sie dort ohne hässlich zu sein. Wie ihre Finger auch, die eine Hand nah am Kopf gelegen, schmal und kantig, lagen gefächert die Gelenke aufeinander. Ich gehe wieder, sprach ich, es sollte letzte Drohung sein und gewiss. 
Dann trat ich vor, erst schnell, dann schleichend. Wollte ihr Haar anfassen und ihre blassen Lippen. Als stünde weißer Nebel über ihr, der mich lockte und verzehrte, riss ich das Dreieck ihr auf und drehte sie. Ihre Ellenbogen knallten, es klang lauter als es war, weil es leer stand, das Zimmer. Ihr Atem roch, Ich gehe wieder, roch aber nicht schlimm und nicht bitter als sie das sprach. Warm und süß lag es auf ihrer Zunge. Lebst du denn noch, fragte sie und sah immer noch aus, als ob sie schlief. Die letzte Silbe saß mir mit ihrem Knarzen im Ohr. 

Ich taumele, mir wird erbärmlich. Will mich legen, meinen Kopf, ich sinke ab. Bin durstig, ein Glas Milch jetzt, ein warmes. 
Sie verschwimmt mit ihrem Antlitz, sie schaut bitter, ausdruckslos. Über mir steht sie, wir haben gedreht, so dicht steht sie über mir als ob sie mich küsste. Ihre Haaresspitzen berühren mich, als sie mich auf die Seite legt. Schwarz und bunt vor Augen ist mir zugleich.
Kalt. Nichts als kalt bin ich und müde. Ich falle nicht, ich bin stabil doch steif, höre meine Gelenke knacken. Im Boden ein leichtes Knarren, zielt es durch die Dielen in mein Ohr, als stünde jemand und starrte. Liebes, ruft es. Ich kann die Stimme nicht entwirren. Es schallt und röhrt und ich scheine im Grund zu verwachsen, ich klebe, bin feucht, ich versage. Liebes, ich kann es ein letztes Mal hören. Als ginge jemand oder käme.