23. Oktober 2011

ich und hut

Ich bin losgezogen um die Länge zu suchen. Ich weiß nicht, wann ich wieder komme. Sagen Sie meinen Eltern Bescheid. Sechs Uhr bin ich losgezogen. In Richtung Ost. Ein Stück bin ich gefahren mit dem Zug in Richtung Ost. 
Zwei Menschen sitzen in meinem Abteil. Eine Frau und ein Mann. Sie fragen mich nett, wohin ich denn wolle. Ich sage: ich bin losgezogen um die Länge zu suchen. Ich weiß nicht, wann ich wiederkomme. Sagen sie meinen Eltern Bescheid. Sechs Uhr bin ich losgezogen. In Richtung Ost. Ein Stück bin ich gefahren mit dem Zug in Richtung Ost.

Ich ging erst in Narwo zu Fuß nach Bindar. Es lief sich flüssig auf dem sandigen Boden. Ich trage leichte Schuhe, die mich dort in die Länge zogen. In Richtung Ost, sagte ich mir: Da wird es richtig sein. Die Erde hob sich fast unbemerkt. Krümel verirrten sich, waren nicht willkommen. In Flaschen gefüllt die flüssige Leichtigkeit, mein Ticket ist nicht der Fahrschein ans Ziel. Doch ich muss fahren. Fahrbarkeit auf offenem Gleis. Ich läge quer, wenn ich nicht woanders führe.
Ich bin losgezogen um das andere zu suchen. Hut auf Haar, mein Ich, allein. Sie sagten vorher noch, ich sei ganz anders. Wär' doch sonst nicht irgendwo.


Im Zug. Im Fahrtwind. Gravitation. Im Sitz warme Glieder. Ich fahre nicht allein, fährt doch Erinnerung mit. Die Erzeuger wirr, schmal begrenzt, ihre Namen gleich, trag ich ihren doch ewig. Die Länge entwurmt mich, in Bindar kein Halt. Und anwesende Eltern entblößen ihre Kinder mit Antwort. Ich frage mich minütlich, wo ist die Freiheit hin. Man sagt ihr doch nach, sie könne überall sein und gänzlich nirgendwo.
Um sieben der Umstieg ins Klageabteil. Hier sitzen sie auf Wolken, mit Computern. Ich bin losgezogen um zu beweisen, dass Ziel kein Ende ist. 

Hinter Bindar, dann, kommt das Stille Dorf, Kinder drücken ihre Nasen ans Fenster. Der Schaffner, mit Hut, zur Durchsicht gekommen. Ich sage ihm: ich bin losgezogen um die Länge zu suchen. Ich weiß nicht, wann ich wieder komme. Sagen Sie meinen Eltern Bescheid. Sechs Uhr bin ich losgezogen. In Richtung Ost. Ein Stück bin ich gefahren mit dem Zug in Richtung Ost. Von Narwo nach Bindar ins Stille Dorf. Drum fahre ich farblos, verstehen sie das. 
Der Herr, entblößt, hat er Kinder zu versorgen? Meine Karte, schmutzig, er denkt wohl, ich führe ohne.
„Sind sie Künstler?“, eine Mutter fragt vorn übergeneigt. Gegenüber sitzt sie mir, die blonde Bluse glänzt zwischen den Sonnenstreifen der Fahrtwindbäume. In ihrem Busen sitzt wahrscheinlich Vigilanz.

Ich verneine im Innern und nicke ihr zu, begrüße sie, verspätet, und zücke den Hut.
„Der Papa malt auch“, sagt das Kind mit der Nase. Einen Bruder hat es auch. Liegt in weißen Leinen längs geschnürt, ein kleiner Phallus, ja, so nenne ich ihn leis.
Ich krame in meinem Beutel, ein winziger nur, sind Fragen drin. Denn nicht viel wollt' ich sagen zu den Menschen zwischen der Route. 

Ein paar Fragen sammeln, innehalten, Reaktion. 
Ein braunes Notizbuch trag' ich, bunte Stifte, ich gestehe ein, sie könnten in mir nur den Künstler vermuten.
Eine Stunde schon sitzen wir zu dritt. Es sind die alten Abteile, zum Verschließen und mit Vorhang und runden Sessel mit Knöpfen darin. Es duftet nach Brei, ich denke an Mutter, nicht an die meine, nur an das Wort.

Das Stille Dorf wird ausgerufen, eine Stimme, männlich, vermutet die Minuten. Ich bereite meine Augen auf das Nichts vor, gebe dem Kind und seinem Bruder einen bunten Stift.
Phallus kann ihn noch nicht greifen, er fällt an der runden Bündelung herab. Die Mutter hebt auf, steckt ihn selbst sich ein. Adé.

Mit dem Schritt aus dem Zug: Ich bin losgezogen um... - und es stoppt mich die Kälte obwohl ich Länge hier suchte. Eine Grenze zieht die Stadt nicht. Nur Ränder zieht sie mit Straßen. Schmale Fäden, willkürlich, so, wie langes Haar natürlich fällt. Menschen, wie ich, nur in grau und braun, die meisten ohne Hut, die wenigsten in Kleid.
„Kann ich ihnen helfen?“, ich sehe mich hilflos in seinen Augen, dem Herren mit freundlichem Schnurrbart. Bin ich das?, frage ich mich selbst. Ich nicke im Innern und verneine ihm, gehe die Strähnenstraßen entlang, erkunde Stille. Sie trägt Blätter und auch Laub. 

„Welcher Tag ist heute?“ Aller Fragen nun vier. Ich sage: Mittwoch ist sicher, an einem Mittwoch bin ich losgezogen.

Im Stillen Dorf schauen sie gern, einen Fremdling erkennen sie in Kurven. Ganz anders behütet, unerkenntlich das Gesicht im hohen Kragen. Frieren die Leute eigentlich nicht?
Die Schneespuren sind ganz anders als jene im Sand. Die Sandalen sind zu leicht zum Stapfen; ich verliere die rechte nach jedem sechsten, die linke nach jedem siebten Schritt. Mich dürstet und mein Mantelbeige verliert sich im eierschalenen Schnee. Die Menschen verschwinden mir im Rücken, vereinzelt nur noch Kreuzende. Wo bin ich hin, ich frage mich. Wie spät wird es sein. Ist wirklich Mittwoch?

Ich bin losgezogen um die Länge zu suchen. Ich weiß nicht, wann ich wiederkomme. Sagen Sie meinen Eltern Bescheid. Sechs Uhr bin ich losgezogen. In Richtung Ost. Ein Stück bin ich gefahren mit dem Zug in Richtung Ost. 

Wie lang kann ein Leben sein, weil ich nun alleine ziehe, stelle ich mich selbst in Frage. In meinen Füßen viele Jahre Müßiggang. Nein, Künstler bin ich wirklich nicht.
Das Stille Dorf macht dunkel. Auch die Fensterlichter schwinden, sowie das Grau und Braun seiner Bewohner. Keine Grenzen hat das Land, nur Ränder zieht es mit Horizonten. Mein leichter Schritt wird taub und schwer, ich muss gegangen sein ohne zu suchen.


Man stellt sich vor: eine glatte Ebene, ich und runder Hut. In meinem Mantel ein Beutel mit Fragen. Hätte ich die Uhr genommen! 
Da,- ein See, mich dürstet doch. Darin ein Spiegelbild, das von heute morgen. Ich sehe ins Blau, sehe mich kaum, mit Haaren und ganz grau in Gestalt. Herr, wie weit bin ich gegangen? (Er bewegt die Lippen wie ich) Zu weit wohl? Meine letzte Frage.

Um sechs Uhr bin ich losgezogen, ich war Bürgermeister meiner Stadt. Man beurlaubte mich, ein paar Tage zur Kur. Dann stand ich am Bahnhof, ging erst von Narwo nach Bindar,  fuhr dann rückwärts mit dem Wind. Danach der Fußweg in das Stille Dorf. 

Man fand mich wohl wieder nach maßloser Zeit, in meinem eigenen Bette und badete mich. Die Mutter war da, alt geworden ist sie. Der Vater ist tot. Und so lieg ich noch, ich weiß gar nicht was ich glaube. Hör die Mutter nur sprechen, ich sei grad ganz anders irgendwo. Sie sagte vorher doch noch, ich hör es wie gestern, die Freiheit fände man doch überall oder gänzlich nirgendwo.