4. April 2011

licht von oben

Vom Fenster aus sieht man nicht viel vom Leben. Im Aquarium meiner eigenen Luft sprühe ich Sprechblasen an die Wände. Ein gleichmäßiges Surren im Fernseher überträgt Wärme, wie sie wohl auch hinter den Fenstergläsern ist. Neben drei leeren Stühlen sitze ich auf dem vierten. Wir machen Gruppentherapie; gerade heute habe ich diesen Termin, an dem warmen, vielleicht ersten und letzten warmen Tag. Jetzt sitze ich hier, hätte hinausgehen können.
Nach dem Stretchen machen wir Atemübungen. Hätte die Luft in diesem Raum Farbe, sie hätte Eierschalenfarbe, die der braunen Eier. Ich recycle sie seit mehreren Jahren.

Einen halben Quadratmeter Himmel über uns; ich sitze fensternah, kann ihn als einziger sehen. Ich zähle auf, was ich heute getan habe, gegessen. Der Fernseher zählt so viel mehr auf. Die Zeit läuft und immer noch Surren; ich stellte ihn aus Rücksicht stumm.
Ich schaue auf die Uhr. Es ist schon später als vorher. Ich bin der erste, der kommt und der letzte, der geht. Ich begrüße mich zum Abschied und verabschiede mich zur Begrüßung. Neben drei leeren Stühlen, schiebe auch ich meinen vierten unter den Tisch. Das Fernsehen ist aus, das Surren. Die Sitzung ist beendet. Zum Abschied umarmen wir uns selbst.

Nur oben noch zwei Stunden hell, das Fenster dazwischen, der Hof darunter. Langsam wächst das Laub, streift im Sommer meine Wand. Werden jedes Jahr länger, die Äste, ich beobachte sie ja nun seit vielen Sommern. Meine Wand ist kalt, zeigt nach Norden, auch wenn die Sonne ihren Zenit erreicht. Sie gibt Schatten, die Graue. Wenn Licht, schrecklich warmes Licht, von oben fällt.