20. Januar 2011

hundert hasen

Ich werde immer schlechter. Lass mich in Ruhe. Ich gehe hinunter und wieder hinauf, weil unten nichts zu finden ist. Ich entspreche der Spezies einer vernachlässigten Kindheit. Rohes Fleisch empfinde ich als meinen eigenen Körper. Nicht nur weil mein Vater mir das sagte. Auf meinem Hof leben Hasen. Viele Hasen. Ich kümmere mich manchmal um sie, wenn sie zu mir kommen und mich darum bitten. An manchen Stellen bin ich kahl. An manchen Orten bin ich unsichtbar.

Ich gehe nicht oft hinaus. Meine Scham ist größer als jedes Hungergefühl.Die schwarzen Hasen mag ich lieber. Davon gibt es nur vier. Meine Mutter sagt, man muss auch das Mindere mögen. Und meine Mutter sagt oft, sie müsse sterben.Als ich ein Embryo war fing sie an zu trinken. Es war mehr Whisky als Wasser. Sie schlief ein und ich schlief ein. Bis zu meiner Geburt habe ich geschlafen.

Es kommt niemand auf meinen Hof. Auch nicht, wenn Weihnachten ist. Da schlachte ich einen weißen Hasen, dass irgendwann die Minderheit überwiegt.Fleisch kann ich nicht essen. Es riecht wie ich.

Wenn ich knietief im Schlamm stehe fühle ich mich gut. Es ist eine Heilkur, die bis in alle blauen Adern zieht. Auch in die Knoten, die Verkettungen, Abzweigungen, Wulste und Stummel. Ich erzähle mir immer wieder dieselbe Geschichte, weil ich nicht weitergekommen bin.Jeder Tag ist Reflexion seines vorigen.Ich habe nicht darauf gewartet, aber es kam der Tag, an dem ich Besuch bekam. Ich dachte, man wolle mir den Hof wegnehmen. Doch es war nur ein Schatten, der kam, der hungrig war.Er folgte mir zur Tür. Er folgte mir hinein. Ich bat ihn von meinem Gebäck zu nehmen. Und wir saßen einander gegenüber am Tisch, beklemmt, auf den Boden schauend. Ich wusste nicht, wie ich ihn dazu bringe zuerst zu reden. Ich habe seit Jahren nicht mehr mit einem Schatten geredet. Ich wollte ihn nicht verängstigen, bedrücken, wehtun. So wie die Hasen, die ich jährlich kastrieren muss. Es ist ganz anders mit Hasen zu sprechen als mit Schatten. Hasen haben eine angeborene Dümmlichkeit, auf die man angemessen eingehen muss. Aber Schatten; ich hätte diesen Herren niemals als dümmlich bezeichnen wollen. So saßen wir drei Stunden schweigend an meiner Tafel, ein paar der geselligen Tiere setzten sich dazu. Das erleichterte mir die ungewohnte Stimmung. Wir beobachteten den hungrigen Herrn Schatten. Wie sehr hungrig er doch war.

Er räusperte sich. Mit väterlicher Stimme begann er zu sprechen, von dem mir nur das hungrig deutlich war. Er zeigte auf den weißen Hasen mir zur Rechten. Ich nahm an, der Herr wollte, dass ich ihm den Hasen gebe. Sie haben so viele davon, sagte er nun deutlich. Es sind hundert, sagte ich. Wenn einer fehlt, sind sie es nicht mehr. Der Mann stemmte sich auf, stampfte mit geballter Faust auf den Tisch, fiel Sekunden später in Tränen.

Meine innere Unausgeglichenheit nahm in mir unbekanntem Ausmaß zu. Schatten kommen auf meinen Hof und wollen meine Hasen. Ich sah, dass er weder Haut noch Knochen hat. Luft ging durch seinen Körper einfach hindurch. Die dreckigen Partikel, die sich in meiner Luft befinden, traten durch ihn hindurch, ohne, dass sie sich auf seinem Mantel absetzten.Ich wollte ihn mehr kennenlernen, bevor ich mit ihm intim werde. Mein Vater sagte, man wird mit jemandem intim, wenn man sich gegenseitig etwas gibt. Er zum Beispiel gab mir eine blaue Schleife für das Haar, er sagte, auch Jungen sollten hübsch aussehen. Und ich gab ihm dafür meine Hand, die ich ihm auf den Schoß legte. Später hat auch er vergessen, dass, wenn man intim werden will, vorher etwas gegeben werden muss. Es entstand ein Ungleichnis. Immer musste ich ihm etwas schenken. Von da an habe ich aufgehört mit jemandem intim zu werden.

Herr Schatten machte sich nichts aus den Partikeln. Es schien ihn mehr zu interessieren, welcher Hase für ihn in Frage käme. Er betrachtete die unkastrierten Hoden der Rammler, drückte die Pfoten zwei mal fest ein, rieb seine Daumen im Innern der Lauscher. Gute Tiere, sagte er. Ich nickte.Ich habe nie gelernt in einer Konfrontation zu bestehen. So oft habe ich meinen Hof schon verteidigt. Sie haben mich einfach in Frieden gelassen. Mit Schatten komme ich zu keiner Vereinbarung.Er ließ nicht ab von seinem Schweigen. Diese unerträgliche Penetranz seiner Anwesenheit ließ mich zu der Entscheidung übergehen, ihm einen Hasen abzugeben. Mit gesenktem Blick zeigte ich auf die schwarzen Hasen, die immer zusammensitzen. Sie nehmen einen schwarzen, sagte ich.Ich will keinen schwarzen, sagte der Herr. Ich will einen von diesen hier, sagte er und zeigte auf einen der schneeweißen Tiere. Es war eines der kranken.Aus dem großen Schrank holte ich einen der Kartons, die als Särge vorbereitet waren. Ich verabschiedete mich nicht von dem verlassenen Tier, setzte es in die Kiste und bat den Herren mich zu verlassen. Ohne Worte verschwand er auch, mit dem Sarg unter dem Arm, ein letztes Gebäckstück kauend.
 
Ich besitze neunundneunzig Hasen. Mein Hof wird nicht oft besucht. Er wird schlecht gefunden. Leute sagen, es stinke und sie wissen nicht, ob hier ein Mensch leben könne. Sie lesen in Zeitungen über mich, ohne mich zu kennen. Sie kennen mich, ohne mich zu lesen.
Ich habe vier schwarze Hasen, doch keinen Schatten mehr. Ich entspreche der Spezies der vernachlässigten Kinder.