Zum dritten Mal sitze ich hier. Eine Schachtel Leblosigkeit. Ich werde zum dritten Mal gefragt was ich hier mache. Ich werde aus den Augen verloren, werde angesehen, aus den Augen verloren. Ich werde beschrieben, man schreibt mich auf.
Sei immer ehrlich, sagte man mir vor Jahren.
Ich habe jemanden umgebracht, sage ich.
Eine Hand auf meinem Kopf. Wut und Trauer. Wir haben schon wieder versagt, höre ich sie denken. Wir haben keine Lust mehr auf dich, höre ich sie sagen.
Ich bekomme etwas Intravenöses. Wenn meine Adern schmecken könnten, schmeckten sie Bitterkeit. Ich habe auch keine Lust mehr auf sie, höre ich mich denken.
Ich sitze zwischen Sitz und Lehne. Mein Rückgrat wird im rechten Winkel aufgehalten. Fragen, keine Blicke, meinen Namen kennen sie.
Sie haben niemanden umgebracht, sagen sie zu mir.
Ich bin müde. Ich wollte eigentlich nicht hier sein. Aber es ist ihre Arbeit. Sie bekommen Geld dafür, dass sie jemanden mitnehmen, der gerade jemanden umbringt, ihn davon wegreißen und das halbumgebrachte zurücklassen. Einen Lappen Leben. Einen Eimer Erinnerung.
Ich setze mich zu den anderen. Wir sitzen auf Holz. Dazwischen verbinden uns unsichtbare Hände. Kurz ist keiner allein. Wir warten jetzt nur noch. Bis wir gehen dürfen. Dann machen wir alle, was wir vorher gemacht haben und versuchen, nie wieder hier her zu kommen.
Ich bin einer dieser vier. Heute Abend sind wir vier. Weil Dienstag ist. Am Samstag sitzen wir zu zehnt. Und warten. Bis sie sagen, geht nach Hause.
Ich bin einundzwanzig. Ich bin das und zwischen dem, der zum ersten und dem, der zum zwanzigsten Mal hier ist.
Sei immer ehrlich, sagte man mir vor Jahren.
Ich habe so viele Jahre verloren. Ein gelber großporiger Schwamm saugt meine Würde aus. Ich möchte alles sein, nur nicht mehr hier.
Zum dritten Mal sitze ich hier. Ich weiß nicht, ob sie sich an mich erinnern, oder ob sie nur meinen Namen kennen. Darin liegt der Unterschied. Ich kann mich an jeden von hier erinnern, doch ihre Namen kenne ich nicht.
Um ein Uhr drei kann ich gehen. Zwangseinweisung erst ab dem vierten Mal, denke ich.
Immer wenn ich gehe, muss ich an meine Mutter denken. Ich gehe jeden dieser Abende einen anderen Weg nach Hause, der etwa eine halbe bis eine Stunde länger dauert als der eigentliche. Manchmal denke ich, sie verfolgen mich bis nach Hause, wissen wo ich wohne, narkotisieren mich und holen mich irgendwann in der Nacht ab.
Der Weg lässt mich langsam wiederkehren. Mein Magen ist geleert worden, mein Verstand getrübt.
Drei leere Stühle warten auf mich. Ein leeres Bett. Ein leerer Schrank. Eine leere Packung Schmerz. Und Tabletten. Ein Stofftier. Ein Foto. Und Tristesse. Ich bin müde.
Ein Stuhl kippt sobald ich ihn mit den Füßen stoße. Der zweite fällt. Der dritte fällt. Eine Verkettung durch Leere und Lücke.
Sei immer ehrlich, sagte man mir.
Ich entscheide mich für die Lücke. Ich beseitige meine Erinnerung, dass nur noch mein Name steht.