Ich habe meinen Namen so oft geändert. Habe versucht mir die Identität eines anderen zu geben. Im Moment heiße ich Nido.
Ich liege mit dem Kopf in Richtung Fenster, die Sonne scheint direkt in mein Gesicht. Ich warte, dass es dunkel wird und ich schlafen gehen kann.
Ich lebe in keiner Zeit und in keinem Raum. Ich lebe weil ich atme und weil ich Kurier bin. Alles, was ich als mein Besitz bezeichnen kann, ist ein Weg, auf dem ich von Mensch zu Mensch und von Mensch zu Mensch fahre. Ich bringe Briefe, Pakete, Rollen, Karten und manchmal Blumen. Ich lebe seit Jahren als Kurier; wie lange, dass weiß ich nicht mehr.
Ich hatte seither viele Namen.
Was mich von anderen Kurieren unterscheidet ist, dass ich für niemanden arbeite. Ich bekomme kein Geld. Weder Dank noch Beschwerde. Ich arbeite für mich. Dass ich atme und, wenn es dunkel wird, schlafen gehen kann.
Sie werden fragen, was ist der Sinn. Sie brauchen keine Antwort, ich bekomme ebenkeine.
Niemand versteht mich; vielleicht spreche in eine andere Sprache. Ich kann nur eine Sprache sprechen. Vielleicht hasse ich sie. Vielleicht bin ich allein.
Eins. Frau S.
Ein neutrales weißes Papier mit Hand beschrieben, ziert tiefschwarze Schrift. Ich schreibe siebenunddreißig Handschriften. Und kann nur eine Sprache sprechen.
„Seh ich doch viel mehr mit geschlossenen Augen, wo du mit geöffneten nicht hinsiehst.“ Frau S. hat ein kaputtes Kind, zwei Augen und geschminkte Ignoranz.
Zwei. Herr M.
Herr M. bekommt eine Postkarte mit der Aufschrift „Zum Geburtstag“. Er wird sechzig, Montag, dem dritten im Mai. Ich würde mit sechzig nicht mehr leben wollen.
Herr M. hat eine Frau. Ein Versteck und zwei schweigende Töchter. „Ich sehe sie atmen. Ich höre sie zittern. Ich zähle an jedem ihrer Finger den Tag bis zum Tod.“
Drei. Herr K.
In einem kleinen Paket bereite ich zwischen Styroporflocken eine Installation mit Katzenjammer, dass, sobald das Dämmmaterial entfernt wird, ohrenbetäubend ertönt.
Die Aufnahme ist nicht besonders gelungen; ich besitze selbst keine eigene-, sammelte somit Nachthofkatzenstimmen.
„Wächst Chrarakter manchmal dort, wo es wehtut ihn zu formen, als hätte man Messer benutzt um dein Rückgrat zu schnitzen.“ Herr K. hat sieben schwarze Zahlen. Sieben Frauen und ein schwarzes Herz. Die Katzen heulen. Nido signiert.
Vier. Herr V.
„Mein still geschriebenes Wort ist deinem gesprochenem immer erhaben.“ Herr V. war Mathelehrer. Er hat Kameraden, keine Freunde und ein schwarzes schräges Kreuz auf seiner Brust.
Für heute waren es genug. Eigentlich sind sie mir egal. Menschen, die mehr Mensch sind als ich, weil sie sagen, sie würden mehr Mensch sein als ich. Doch sie sind kaputt. Machen alles kaputt. Ich kann sie riechen. Erriechen, Erreichen. Speichel, Schweiß, halterlose Schatten. Ich kann nichts anderes tun als beobachten und ihnen Nichts schreiben. Denken kann ich nicht. Das sollen die Menschen tun für mich, an die ich aussende. Sie sollen sich am Denken verschlucken. Eine Weile mit dem Atmen aussetzen. Wehtun will ich ihnen nicht. Sie selbst sind Masochisten.
Eine Sekunde Macht. Meine Krone aus Pergament.
Morgen werde ich Tristan heißen. Ich werde rausfahren in die Stadt, mir eine Fahrkarte für den Bus kaufen und einige Gesichter beobachten, deren Bewegungen ich verfolge. Deren Töne, deren Ahnungen. Deren skizzierte Wahrheit. Traurigkeit. Deren leere, leere Tagesmitte.
Ich drehe meinen Kopf zur Seite, ziehe im Liegen die Vorhänge meines Fensters zu. Ein Vorhang reißt, fällt wie spürbarer Himmel auf mich nieder. In baumwollen Zweifeln liege ich, ich liege fast selig, habe ich doch immer Angst vor morgen. Ich lebe weil ich atme und weil ich Kurier bin. Ich huste Blut, bin komisch und allein. So schlaf ich aus. Und atme ein.
Ich liege mit dem Kopf in Richtung Fenster, die Sonne scheint direkt in mein Gesicht. Ich warte, dass es dunkel wird und ich schlafen gehen kann.
Ich lebe in keiner Zeit und in keinem Raum. Ich lebe weil ich atme und weil ich Kurier bin. Alles, was ich als mein Besitz bezeichnen kann, ist ein Weg, auf dem ich von Mensch zu Mensch und von Mensch zu Mensch fahre. Ich bringe Briefe, Pakete, Rollen, Karten und manchmal Blumen. Ich lebe seit Jahren als Kurier; wie lange, dass weiß ich nicht mehr.
Ich hatte seither viele Namen.
Was mich von anderen Kurieren unterscheidet ist, dass ich für niemanden arbeite. Ich bekomme kein Geld. Weder Dank noch Beschwerde. Ich arbeite für mich. Dass ich atme und, wenn es dunkel wird, schlafen gehen kann.
Sie werden fragen, was ist der Sinn. Sie brauchen keine Antwort, ich bekomme ebenkeine.
Niemand versteht mich; vielleicht spreche in eine andere Sprache. Ich kann nur eine Sprache sprechen. Vielleicht hasse ich sie. Vielleicht bin ich allein.
Eins. Frau S.
Ein neutrales weißes Papier mit Hand beschrieben, ziert tiefschwarze Schrift. Ich schreibe siebenunddreißig Handschriften. Und kann nur eine Sprache sprechen.
„Seh ich doch viel mehr mit geschlossenen Augen, wo du mit geöffneten nicht hinsiehst.“ Frau S. hat ein kaputtes Kind, zwei Augen und geschminkte Ignoranz.
Zwei. Herr M.
Herr M. bekommt eine Postkarte mit der Aufschrift „Zum Geburtstag“. Er wird sechzig, Montag, dem dritten im Mai. Ich würde mit sechzig nicht mehr leben wollen.
Herr M. hat eine Frau. Ein Versteck und zwei schweigende Töchter. „Ich sehe sie atmen. Ich höre sie zittern. Ich zähle an jedem ihrer Finger den Tag bis zum Tod.“
Drei. Herr K.
In einem kleinen Paket bereite ich zwischen Styroporflocken eine Installation mit Katzenjammer, dass, sobald das Dämmmaterial entfernt wird, ohrenbetäubend ertönt.
Die Aufnahme ist nicht besonders gelungen; ich besitze selbst keine eigene-, sammelte somit Nachthofkatzenstimmen.
„Wächst Chrarakter manchmal dort, wo es wehtut ihn zu formen, als hätte man Messer benutzt um dein Rückgrat zu schnitzen.“ Herr K. hat sieben schwarze Zahlen. Sieben Frauen und ein schwarzes Herz. Die Katzen heulen. Nido signiert.
Vier. Herr V.
„Mein still geschriebenes Wort ist deinem gesprochenem immer erhaben.“ Herr V. war Mathelehrer. Er hat Kameraden, keine Freunde und ein schwarzes schräges Kreuz auf seiner Brust.
Für heute waren es genug. Eigentlich sind sie mir egal. Menschen, die mehr Mensch sind als ich, weil sie sagen, sie würden mehr Mensch sein als ich. Doch sie sind kaputt. Machen alles kaputt. Ich kann sie riechen. Erriechen, Erreichen. Speichel, Schweiß, halterlose Schatten. Ich kann nichts anderes tun als beobachten und ihnen Nichts schreiben. Denken kann ich nicht. Das sollen die Menschen tun für mich, an die ich aussende. Sie sollen sich am Denken verschlucken. Eine Weile mit dem Atmen aussetzen. Wehtun will ich ihnen nicht. Sie selbst sind Masochisten.
Eine Sekunde Macht. Meine Krone aus Pergament.
Morgen werde ich Tristan heißen. Ich werde rausfahren in die Stadt, mir eine Fahrkarte für den Bus kaufen und einige Gesichter beobachten, deren Bewegungen ich verfolge. Deren Töne, deren Ahnungen. Deren skizzierte Wahrheit. Traurigkeit. Deren leere, leere Tagesmitte.
Ich drehe meinen Kopf zur Seite, ziehe im Liegen die Vorhänge meines Fensters zu. Ein Vorhang reißt, fällt wie spürbarer Himmel auf mich nieder. In baumwollen Zweifeln liege ich, ich liege fast selig, habe ich doch immer Angst vor morgen. Ich lebe weil ich atme und weil ich Kurier bin. Ich huste Blut, bin komisch und allein. So schlaf ich aus. Und atme ein.