10. Januar 2010

die zahnbürste

Jeden Morgen. Jeden Abend. Sechs bis acht Wochen lang. Dann kommt die nächste in den Dienst. Ich putze und putze, mein Leben lang, jeden Tag. Und irgendwann kam sie. Die eine. Die kleine Affäre aus der innige Beziehung wurde. Sie, das Glück, das nur als Gegenstand der Alltäglichkeit entsprang.
Ich frage mich, wo sie jetzt ist. Wie es ihr geht, ob sie noch in ihrem hellblauen Dr. Best-Mantel strahlt oder als Alditüte gepresst unter dem Laufband liegt.
Wir haben viel erlebt. doch immer stand sie stramm und gefasst in dem kleinen gläsernen Becher auf dem Waschbecken, in dem Badezimmer, auf der Etage, in dem Haus, in dem ich gerne war.

Sie hatte viel Freizeit. Ich habe sie nicht oft benutzt, meist nur samstags und sonntags morgens. Ich glaube, sie hat nie eine Reise miterlebt. Sie wartete nur. Auf mich, dass ich etwas weiße Zahnpasta auf ihr ausdrücke, sie mit etwas Wasser begieße und sie mir für dreißig Sekunden in den Mund schiebe. Das reichte aus.
Letzendlich endete ihr Leben durch eine Reise in eine mir unbekannte Ferne. In die Ferne, in die ich sie hätte mitnehmen sollen. Aber ich habe sie einfach vergessen.
Sie lebte nur als Reserve. Als Lückenbüßer. Als meine Zweckbeziehung. Wahrscheinlich ist sie viel älter, als dass ich sie schätzen würde, kannte vor mir vielleicht schon andere Benutzer. Aber keiner, und da bin ich mir sicher, verbindet eine solche Erinnerung mit ihr wie ich, obwohl sie nur stramm und starr, Tag für Tag in dem kleinen Glasbecher stand, der beschlug wenn der Hausbewohner duschte. Und ich ein Herz auf den Spiegel malte.
Sie teilte ihre Gemeinschaft mit einer dunkelblauen, älteren Bürste und einer Paste, die ihr wahrscheinlich die Einsamkeit aus dem dunklen Reserveschrank nahmen und sie ihr kleines Leben in netter Gesellschaft verbringen konnte.
Ich vermisse sie sehr. Auch die Zeit, die ich mit ihr und um sie herum verbracht habe. Auch die Zeit, in der ich sie völlig vergessen habe, aber sie trotzdem Tag für Tag und Nacht für Nacht stramm und treu ihre Stellung hielt.
Außen um sie herum mag die große Welt zusammengebrochen sein und wahrscheinlich stand sie noch eine Weile tapfer in ihrem Glas. Doch ich bin nicht mehr zurückgekehrt. Ich durfte nicht.
Vielleicht ließ man ihr noch Zeit zu warten, so wie sie es Tage, Monate, sogar ein Jahr lang tat. Irgendwann jedoch muss ihre Zeit gekommen sein, musste sich verabschieden und eine Reise in Angriff nehmen, nie ich und niemand anderes kennt. Und ich weiß nicht mal, wann ich sie das letzte Mal gesehen habe. Und auch nicht, wann ich sie das letzte Mal benutzt habe und sie mir ihren Dienst als treue Zahnbürste, ob wütend, traurig oder glücklich getan hat.
Ich kann mich nur an sie zurückerinnern. Und an die Zeit, in der sie nur eine Zahnbürste war. Die neue, die wie sie einen hellblauen Mantel trägt, die Borsten steif aufgestellt, ist nicht sie und wird es nie sein.
Die Erinnerungen nämlich sind eben manchmal mehr als das simple Putzen der Zähne.