Ich habe mich verschluckt. Die vielen Seelen schnüren mir die Luft ab. Tagein tagaus. Sie nehmen mich nicht war. Ich fahre. Es ist Donnerstag. Habe dreimal onaniert. Ich habe nichts. Keine Frau. Nur eine Uniform. Auf der nicht mal mein Name steht. Den ganzen Tag dunkel. Nur jede Minute die scheiß hellen Bahnhöfe. Die scheiß Leute, die denken, wir sind Maschinen. Die nicht wahrnehmen, dass ich hier sitze, dass ich sie beobachte. Und alles über sie weiß.
Sie kennen auch nicht meine Stimme. Das erledigt der Computer. Sabines Stimme. Das mit uns ist schon zwei Jahre her. Meine Frau wusste nie was davon. Und jetzt steigt sie mit diesem Spanier ins Bett. Acht Jahre jünger. Als wenn ich nichts wäre.
Ich bin nichts. Hab nur meine Kabine. Und selten eine Stimme. Und wenn ich eine Stimme habe ist sie böse. 'Kippe aus' oder 'Weg vom Bahnsteig'. Ich habe nur Kameras, mit denen ich Sie beobachte. Die Mädchen. Die alten Säcke. Ich will nie so sein. Manchmal möcht ich garnicht mehr sein. Doch ich sitze hier fest. Kann mich nicht mal auf die Schienen schmeißen. Kann nicht zusehen, wie ich zerplatze und an die Frontscheibe spritze. Zwei Mal musste ich das mit ansehen. Zwei Frauen. Ziemlich gutaussehend. Große Brüste. Konnte man nicht mehr sehen, aber ich glaube, dass sie große Brüste hatten. Mich haben die dann für ein paar Wochen in die Klinik gesteckt. Werner, sagten sie, das tut uns leid. Und beim zweiten Mal haben sie garnichts mehr gesagt. Haben mich in meinem Zimmer sitzen lassen und mich trinken lassen, wenn ich wollte. Ich warte auf das dritte Mal. Dann nehmen die mich ganz raus. Geben mir die Schuld, dass ich nicht gut bremse. Dann komme ich in den Service. Oder bin schon längst tot.
Ich bin genug bestraft. Eigentlich glaube ich nicht an Gott, aber ich glaube, er hat da was gesehen. Wie die kleine Braune bis zur Endstation im Wagon hinter mir saß. Ganz alleine. Zwei Uhr sechsundvierzig. Da will doch niemand hin. Um diese Zeit?
Sie war süß. Vielleicht sechzehn. Bestimmt einen Freund. Bestimmt keine Jungfrau mehr.
Als wir hielten ließ ich die Türen zu. Sie drückte und drückte, blickte aufgeregt in meine Richtung. Ich schmunzelte nur innerlich. Sie erinnerte mich an meine Tochter. Anna. Groß und schlank. Und ein Leberfleck über der Lippe. Sie war groß geworden. Anna. Ich kam aus meinem Stübchen und fasste sie nur kurz. An ihrem Atem merkte ich, dass sie Angst hatte. Mit mir. Allein. Ich bekam eine Erektion. Sehe ich denn so böse aus? Ich bin es doch nur, der U-Bahnfahrer. Mir wurde schlecht. Ich lief zurück in meine Kabine, schaltete die Türen frei und schloss die Augen, bis sie fort war.
Ich bin Werner, der Kinderficker, hallte es in meinem Kopf. Der Frauentöter. Der Nichtvater.
Ich bin es. Der zu viel hat. Zu viel Leben hat, das mitfährt auf meinem Buckel; das ich begonnen habe zu hassen.
Ich bin Werner. Ich bin müde.